D / USA 2011 / ca. 30 min / Essayfilm / HD / Farbe / Stereo / Englisch
Los Angeles ist ein ausuferndes Monster inmitten überwältigender Wüsten- und Naturlandschaften. Eine Stadt, deren Grenzen man nichtmal aus dem Flugzeug sehen kann. Häuser mit Vorgarten und Swimming Pool reihen sich endlos aneinander, wirken identisch, Ideale anstrebend, wie ihre Bewohner. Es geht um Äußerlichkeiten, genormte Körper, das Durchsetzen von Vorstellungen gegen die Natur. Der amerikanische Traum ist hier schizophren geworden. Das Erreichen von Status hat vielmals nicht mit Selbstverwirklichung sondern mit Selbstverleugnung zu tun. Äußerlichkeiten sind das Kapital dieser Gesellschaft. Diesem Kult der Oberflächlichkeit steht die neue Musikrichtung Dubstep gegenüber, formiert sich eine Natürlichkeit gegen die Künstlichkeit, sich der Technik bedienend.
Wir möchten die Subkultur rund um die Musikrichtung Dubstep untersuchen, die wohl nirgends in solchem Kontrast zu ihrer Umgebung (ent)steht wie in Los Angeles. Dubstep wird getragen von Frequenzen unterhalb der Grenze von 40Hz. Sie sind für Menschen nicht hörbar, aber sehr spürbar. Die Philosophie der Innerlichkeit statt Äußerlichkeit wohnt sowohl der Szene als auch der Musik inne: Die Bässe gehen unter die Haut, die feinen Härchen zittern im Takt, die Lunge und alle Organe vibrieren, es ist ein bewegendes physisches Gefühl, vor einer Boxenwand von 6m x 4m Größe zu stehen. Nur auf solchen Anlagen jamaikanischer Bauart kommt die Musik voll zu Geltung. Ein vergleichbares Hörerlebnis ist mit Kopfhörern oder Stereoanlage nicht möglich; der Musikgenuss ist nur in der Gemeinschaft erlebbar. Die Musik treibt die Menschen in Clubs und auf Parties, die über die entsprechende Technologie verfügen, beispielsweise dem Lowend Theory Club in Los Angeles. Das Publikum baut eine Art Liebesbeziehung zur Boxenwand auf, versucht fast hineinzukriechen und muss vor der innerern Wucht doch immer wieder zurückweichen.
Sowohl die Künstler als auch das Publikum kommen aus allen Schichten, von der Straße oder aus bildungsbürgerlichen Verhältnissen. Ist es mit den Anfängen der Rave-Kultur vergleichbar, bei denen Leute zusammenkamen, die vorher keinen Platz in der Gesellschaft fanden, zu “uncool” waren, um Freitag abends irgendwo eingeladen zu sein? Wir möchten das Lebensgefühl dieser neuen Generation von Menschen zeigen. Woher kommen sie, aus was für Elternhäusern und Berufen, wovon wenden sie sich ab, was suchen sie, was ist ihnen wichtig? Was für einen Reichtum haben sie, dass sie den kapitalistischen Reichtum nicht so sehr brauchen? Anscheinend gibt es hier eine Musikkultur, die überhaupt nicht als rein hedonistische bezeichnet werden kann. Sie hat keine modischen Codes, ist nicht Teil der Popkultur. Sie ist spirituell, inspiriert von alten kosmologischen oder religiösen Lehren, dabei aber vorwärtsgewandt. Dubstep Produzenten nutzen modernste Computerechnologie, ohne sie könnte die Musik nicht existieren. Während in den Gärten oder Fitnessstudios LAs die Diktatur des Technischen und Machbaren, die Unterwerfung der Natur vorherrscht, werden beim Dubstep die neuesten Möglichkeiten genutzt, um alte ganzheitliche Ideen weiterzuentwickeln. In den Musikvideos der Künstler, die sich oftmals auch mit ganz anderem wie Filmemachen, Meditieren oder Jugendarbeit beschäftigen, spiegeln sich diese Vorstellungen und neuerschaffene Welten wider.
Auch die bekannteren Namen wie Flying Lotus oder Dr. Strangeloop stehen nicht für Starkultur, wie die Musik sind es Menschen zum Anfassen. Dubstep zelebriert Körperlichkeit im Sinne von eins sein mit seinem Körper, die Musik ist erotisch, ohne Gesang zu benötigen. In ihrer Offenheit und Individualität bietet sie Raum für das in der amerikanischen Verfassung verankerte Recht auf persönliches Glück. Doch gleichzeitig bietet sie einem in der Geschichte der USA inherenten Widerspruch die Stirn: als die Gründungsväter in den Südstaaten die Constitution unterzeichneten, waren sie in lange Gewänder gekleidet, die den in der Sommerhitze schwitzenden Körper verdeckten. Der Körper hat in der stark geistig geprägten angelsächsischen Kultur keinen Wert. Er muss kontrolliert werden. Dubstep hingegen legt die Fesseln ab.
Kamera / DoP: Rozano Johnson, Julian Neville
Schnitt / Editing: Julian Neville
Sponsoren / Sponsors: Villa Aurora
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